Herzlich willkommen im Literaturkontor von

Alfons Huckebrink

 

Papierknüller

aus: Beobachtungen an frühen Januartagen. 1994

Grenznutzen

Bei der Montage eines Bücherregales
aus massivem Holze der Kiefer
mit den geahnten Problemen
konfrontiert.
Tücke des Materials.
Unvermögen des Heimwerkers.
Eine soeben im Funk gehörte Sendung
zur konstruktivistischen Erkenntnistheorie
reflektierend.



aus: Übergangswetter. 1998

wind. jammern. liebes bißchen.

bei den untiefen des herzens
schrammen die stolz beflaggten
wörter auf grund.

aus konterbande des glücks
ein teppich verquollener syntax.

diva schreit weiß aus dem krähennest.
gefesselt am bugspriet:
calamity jane.

nimm platz, sagen barbie und ken,
an der küste von malabar.



aus: Neues Deutschland, 11.08.06

Zeitweisen
Franz Hohler: Ein neuer Band Gedichte 

 
Von Alfons Huckebrink 
 
Bei manchem Autor, der sich mit Prosa seinen guten Namen erschrieben hat, wird das lyrische Schaffen vom Publikum und erst recht von der Kritik zum Bei-Werk gezählt. Dagegen ist wenig einzuwenden, sofern es unter diesem Etikett nicht letztlich unbeachtet bleibt. Den Lesern entginge da mitunter der eine oder andere literarische Genuss, wie etwa der jüngste Gedichtband des Schweizer Schriftstellers Franz Hohler, unter dem Titel »Vom richtigen Gebrauch der Zeit« erschienen.
Ein präzis formuliertes Kunststück ist schon das Titelgedicht, in welchem Hohler den engen budgetären Zeitbegriff mit seinem metaphorischen Gehalt konfrontiert – der Sehnsucht: Das lyrische Ich kann die halbe Stunde nicht erübrigen, seine Liebste zum Bahnhof zu bringen. »Doch kaum warst du weg / saß ich da / und war / eine ganze Stunde lang traurig.«
Viel eigene Zeit – 18 Jahre seit »Vierzig vorbei« – verging für Hohler, ehe er die 59 Texte seiner neuen Sammlung zur Veröffentlichung bereit hatte. Zu lange? Nicht zum Gedichteschreiben. »Ein Gedicht ist die Vernichtung, die Verschlingung von Zeit« hat Günther Herburger einmal formuliert. Nicht nur unter diesem Gesichtspunkt sind Hohlers Texte melancholisch grundierte Zeitverweise. Welcher Dichter traut sich noch einen formvollendeten Abendhymnus zu, in dem Sterne, Eichenbaum und Felswand eine traumversunkene Stimmungslandschaft herbeizaubern? Ein lyrisches Refugium, in das sich – durch einen einzigen Vers – die Gegenwart in ihrer zugleich brutalsten wie angenehmsten Erscheinungsform, der Technik, einschreibt: »ein Flugzeug schlitzt die Dämmrung auf« (Abend, hoch oben).
Daneben finden sich Gedichte, die den konkreten Zeitpunkt begreifen wollen, wie das erschütternde Requiem für den Schriftsteller Niklaus Meienberg, der sich am 24.09.1993 als 53-Jähriger das Leben nahm. »Was brachte dich um / oder wer? / Die Gesellschaft / gegen welche du anschriebst / die schweigende Mehrheit / welche dich haßte / oder am Ende wir alle? / Die Freunde noch mehr als die Feinde?«
Auch so ein Leben, dem Zeit keine Wunden heilte. Hingegen kann von der Erkenntnis »Zeit ist Geld« ein gangbarer Weg zum Verständnis des »Kapitals« führen. Dass politökonomische Analyse sich durchaus vereinbaren lässt mit poetischer Empfindung, zeigt der Nachruf auf Carl Barks, den Erfinder der Comic-Figur Dagobert Duck. Die Episode, in der dieser steinreiche Geizhals in einer sentimentalen Anwandlung mit seinen Enkeln Tick, Trick und Track über Land fährt, um all sein Geld auszugeben und es nach der Heimkehr wieder eintreffen zu sehen, weil alle Geschäfte, Hotels und Restaurants ihm gehören, hat es dem Kinde angetan. Dem Erwachsenen kommt später bei der Lektüre des Marx’schen Hauptwerks vieles bekannt vor. Gelassen konstatiert er, »daß Entenhausen / nicht nur ein Kinder- und Märchenort ist / mit sprechendem Federvieh // sondern reale Welt«.
Zum guten Schluss präsentiert Hohler Übertragungen aus der Weltliteratur in seine schweizerdeutsche Mundart. Neben Ungaretti, Rimbaud und Kuprijanow finden sich zwei Gedichte des Spaniers Antonio Machado (1875- 1939). Dass Hohler dabei wie jeder Nachdichter durch das Fremde hindurch ins Eigene gelangt, sei an Hand eines schönen Machado-Vierzeilers gezeigt. In Hochdeutsch klänge der Text so: »Sie sagen, ein Mann sei kein Mann / solang er seinen Namen nicht vernommen habe / von den Lippen einer Frau.« Aus dem schwach glimmenden »Puede ser« (Kann sein) des 4. Verses schlägt Hohler ein funkelndes »Glaub i au«. Das bleibt zeitlos. Glaub ich auch.
Franz Hohler: Vom richtigen Gebrauch der Zeit. Gedichte. Sammlung Luchterhand. 96 S., brosch., 8 EUR.


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