Herzlich willkommen im Literaturkontor von

Alfons Huckebrink

 

Wer ist Thomas Bitterschulte

Den Mund voll Schaum, vollführte Huckebrink versonnen hinter seinen verschlossenen Lippen langsame, kreisende Bewegungen mit der Zahnbürste. Sein Spiegelbild tat es ihm nach. "Wie siehst Du schon wieder aus, wie der Weihnachtsmann", nuschelte sein Spiegelbild und eine Ladung Schaum tropfte ihm dabei vom Kinn. Mit dem Handrücken wischten sich beide die Zahnpasta vom Mund. "Weihnachten", entfuhr es dem zahnpastaverschmierten Mund. Und Bitterschulte dachte halblaut an ein Fundstück aus seiner Hängeregistratur: "Im Winterquartier". – Das Kamel und sein Dompteur – "Das traurig anmutende Paar bettelt im Schneetreiben. Menschen mit prallen Einkaufstüten schieben achtlos daran vorbei. Haut und Knochen in der Wohlstandsbrandung", so nahm er den Mann mit dem Dromedar und mit der Russenmütze mit den kinnlangen Ohrenklappen wahr, der dieses handgeschriebene Plakat auf einer Holzplatte hochhielt. "Der Zirkus Kaiser wünscht alle Tierefreunde frohe Weihnachten", stand darauf. "Stur schepperte die Sammeldose in der anderen Hand des Mannes." Der Autor schüttelte sich, angewidert von so falscher Grammatik, und murmelte: "Allen Tierfreunden. Es muss allen Tierfreunden heißen." Schon als Schüler und während seines Studiums der Germanistik, Geschichte und Sozialwissenschafen in Münster und Bochum war er literarisch und journalistisch aktiv. Eine derartige Vergewaltigung der deutschen Sprache konnte er nicht unkommentiert lassen. Aber Bitterschulte ignorierte Huckebrinks Bemerkung und sinnierte weiter. "Wenn Sie sagen möchten, Herr Artist, der Zirkus Kaiser, nur mal angenommen, wünscht alle Tierfreunde zum Teufel. Zum Teufel, ja, das wäre dann korrekt. Grammatikalisch gesehen einwandfrei. Aber daran wollen Sie im Ernst wohl nicht einmal denken. Sie appellieren an das menschliche Mitleid, das Sie sich in diesen besinnlichen Tagen als besonders ausgeprägt vorstellen. Fest der Liebe. Herzen, die sich erweichen lassen. Sie wollen Spenden sammeln. Futtergeld. Nahrung für die hungrigen Mäuler im Winterquartier. Ordentliches trockenes Raufutter. Und Frischfleisch für die Raubtiere. Und, mal ganz ehrlich, Branntwein für die Damen und Herren Artisten. Ein kleines Besäufnis am Heiligen Abend. Die Seele vom Hochseil baumeln lassen. Meinetwegen gern. Dazu bedarf es in dieser Stadt einer korrekten Grammatik. Der Dativ, Herr Artist, der Wemfall. Nicht ganz einfach in der Handhabung. Zugegeben. Ein Zweites ist die Pluralbildung. Das Grundwort trägt das Kennzeichen für den Plural. Ausschließlich das Grundwort. Nicht das Bestimmungswort. Das ist so bei einem aus zwei Nomen gebildeten Kompositum. Sie reden doch nicht von miteinander befreundeten Tieren, sondern von den Tieren freundlich gesonnenen Menschen. Freundlich gesinnt. Zumindest im Allgemeinen. An die appellieren Sie doch. Also Tierfreunde. Wie bei Autofreunde. Heißt ja auch nicht Autosfreunde. Käme der Dativ hinzu. Ergibt Tierfreunden. Allen Tierfreunden frohe Weihnachten. Obwohl Sie eigentlich hier stehen, damit die Tiere und damit auch Sie ein frohes Weihnachtsfest feiern können. Doch damit wären wir bei der Semantik. Beim Subtext sozusagen." Huckebrink schmunzelte. Dabei rann ihm der weiße Schaum aus den Mundwinkeln. Er beobachtete genau, wie Bitterschulte im Spiegel den Zahnpastabrei ausspie. Die deutsche Sprache hat so ihre Tücken. Auch der Autor erinnerte sich und ihm kamen so manche lustigen Versprecher wieder in den Kopf. Mit einem feuchten Waschlappen wurden die Schaumreste aus dem Gesicht gewischt. Das Fundstück in der Hängeregistratur hatte es in sich. "Was sagen Sie zu Pferdefreunde, fragte der Dompteur. Denken Sie bei dem Kompositum etwa an befreundete Pferde? Miteinander befreundete Pferde? Er klingt jetzt erregt. Nein. Es muss wohl Pferdefreunde heißen. Oder sagen Sie etwa Pferdfreunde."
Bitterschulte kam der makabre Geruch von Knoblauch und Alkohol in den Kopf, den er vernahm, als der Zirkusmann mit seinem Gesicht ganz nahe an ihn herankam. Er hatte absolut Recht. Der Mann mit der Russenmütze hatte ihm eine schöne Narrenkappe aufgesetzt. Beschämt hatte er ihm damals ein Fünfmarkstück in seine Sammelbüchse gesteckt. Als Ablass. "Die deutsche Sprache, krächzt mir der Grimmige jetzt hinterher, die deutsche Sprache macht nicht viel Federlesens mit Korinthenkackern. Haben Sie gehört? Nicht etwa Korinthekackern. Korinthenkackern!". Diese Ironie der Worte hatte Bitterschulte nicht vergessen. Gemeinsam brach er jetzt vor dem Spiegel, mit Huckebrink auf der anderen Seite, in herzhaftes Gelächter aus. Der Autor, der seit 1994 Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller (VS - Bezirksgruppe Münsterland) und dort seit 2005 Sprecher des Bezirks Münster/Münsterland ist, hat eine Schwäche für ironischen Wortwitz. In verschiedenen Zeitschriften und Anthologien jongliert er gekonnt mit der deutschen Sprache. Er schreibt Lyrik und Prosa sowie Literaturkritiken in Literaturzeitschriften und im Feuilleton. "So ein redegewandter Fuchs", lachte Huckebrink. "Bücher solcher Typen lese ich immer besonders gerne. Die stelle ich auch immer gerne bei Lesungen vor." Mit der rechten Hand strich er sich durch das nun von der Zahnpasta befreite Gesicht. Auch, um noch einmal seine Rasur zu überprüfen. Das Gesicht im Spiegel kontrollierte ebenfalls seine Rasur. – Jedoch mit der linken Hand. Beide knöpften sich ihr frisch gebügeltes Hemd zu. Der eine mit links, der andere mit rechts. Dann nickten sie sich noch einmal freundschaftlich zu, bevor sie sich den Rücken kehrten und wieder jeder seiner Wege ging. Huckebrink leerte in der Küche noch schnell die Kaffeetasse. Dann musste er auch schon los. Seit Wochen hatte er etliche Bücher verschlungen, um sich bestmöglich auf einen Literaturabend vorzubereiten, auf dem er nicht seine eigenen Werke liest, sondern Bücher von anderen Autoren vorstellt und empfiehlt. Der Münsteraner agiert seit Beginn des Jahrtausends auch aktiv als Literaturkritiker. Jetzt musste er sich sputen. Heute ist der erste Abend seiner neuen Lesetour als Literaturkritiker. Da konnte er unmöglich zu spät kommen...
(Astrid Hilbert, Zitate aus dem Buch "Wie Thomas Bitterschulte sich von seinem Daseinszweck verabschiedete")
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